Was ist ein guter Oekonom…

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2009 ging ein Streit durch die deutschen Universitaeten, ungehoert von der breiten Bevoelkerung war er doch allgegenwaertig. Es ging um einen Methodenstreit der Oekonomen nach der Neubesetzung von Lehrstuehlen in Koeln. Alteingesessene Ordnungspolitiker gegen die jungen Wilden. Die FTD (Financial Times Deutschland) sprach von Volkswirten im Dschungelcamp und folgert:

“Was viele deutsche Ökonomen bräuchten, ist eine Wiedereingliederung in die Welt real zu lösender  Wirtschaftsprobleme. Dabei gilt es in der Zunft eher als Makel, wenn jemand in die Politik geht. Da muss man Kompromisse machen, wie furchtbar. Entsprechend weltfremd klingen dann halt die akademischen Empfehlungen.”

Denn der Unterschied zu den USA ist,

“dass es dort reihenweise Topwissenschaftler gibt, die Präsidenten beraten oder Chefökonomen werden – und zumindest versuchen, die akute Krise mitzulösen, manchmal auch sich selbst widerlegen. Das erhöht die Chancen, wieder ernst genommen zu werden – eher jedenfalls als ein Streit über Methoden, die der Welt derzeit wenig helfen.”

Und auch in anderen Medien wurde das Thema gross diskutiert. Der Spiegel sah ein Versagen der Uni-Oekonomen und die FAZ hat eine ganze Serie ueber Oekonomik-Debatte geschrieben.

Doch gibt es auch einige Gegenstimmen, so zum Beispiel Ruediger Bachman der als Uni-Oekonom austeilt. Im Gegensatz zur Presse hielt er den Methodenstreit fuer wichtig, denn

“Wissenschaft ist per Definition ein methodisches Unterfangen und bedarf deshalb auch der methodischen Reflexion. Und manchmal ist die Zeit einfach reif dafür – mit Sicherheit war sie das in Deutschland –, Finanzkrise hin oder her.”

Doch was ist der Inhalt des Methodenstreits? Der Inhalt war und ist die eng verbunden mit der Definition des Oekonomen selbst. Was muss er koennen, was muss er wissen, was muss er sagen? Diese Frage ist nicht nur in Deutschland gestellt worden. Der Artikel der FTD zitiert hierbei einen der grossen Namen der Oekonomie, Lord John Meynard Keynes, wir wollen ja Titel wuerdigen, der sagte ein Oekonom brauche Logik, Intuition und Faktenwissen.

Es existieren quasi zwei Extreme, die sich an folgenden Zitaten darstellen lassen. Zum einen haben wir den franzoesischen Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreistraeger Gérard Debreu (1991), der 1991 in einer Analyse von wissenschaftlichen Artikeln schrieb:

“Few of the articles published (…) would pass the acid test of removing all their economic interpretations and letting their mathematical infrastructure stand on its own” (p. 3).

Ihm zufolge muss die Oekonomie allein auf der Logik mathematischer Berechnungen stehen koennen um einen wissenschaftlichen Wert zu haben. Alles andere sei nur Beiwerk. Etwas mehr auf den Punkt bringt Lionel Charles Robbins (2007[1932]):

“The borderlands of Economics are the happy hunting-ground of the charlatan and the quack, and, in these ambiguous regions, in recent years, endless time has been devoted to the acquisition of cheap notoriety by attacks on the alleged psychological assumption of Economic Science” (pp. 83-84).

Dem Gegenueber stehen, wenn auch in geringer Anzahl, Oekonomen, die fuer eine Erweiterung der Methodik in der Wissenschaft aussprechen, aehnlich wie die Argumentationskette in den Serien der FAZ und Co. George Lennox Sharman Shackle brachte es meines Erachtens grossartig auf den Punkt:

 “[t]o be a complete economist, a man need only be a mathematician, a philosopher, a psychologist, an anthropologist, a historian, a geographer, and a student of politics; a master of prose exposition; a man of the world with the experience of practical business and finance, an understanding of the problems of administration, and a good knowledge of four or five languages. All this in addition, of course, to familiarity with the economics
 literature itself” (Shackle, 1953, as cited in Steele, 2004, p. 1052).

Diese Analyse klingt zwar aeusserst komisch, spiegelt aber die generelle Forderung nach der Methodenerweiterung gegenueber der klassischen, rein auf dem mathematischen Instrumentalismus basierenden Oekonomie wieder. Der Oekonom sollte schon mehr kennen als das Gleichgewicht auf Maerkten. Genau das ist es, was auch in der deutschen Lehre bemaengelt wird. Jedoch ist eine solche Entwicklung nicht unbekannt, gibt es doch Versuche in der Neuen Institutionsoekonomik disziplinuebergreifend zu denken…
Die Frage bleibt, wann ist ein Oekonom ein guter?

Na da freu ich mich aber auf das Tollhaus, wenn ich zurueck komme…

Quellen:

Debreu, G. (1991). The mathematization of economic theory. The American Economic Review, 81(1), 1-7.

Robbins, L. (2007 [1932]). An essay on the nature and significance of economic science. London, UK: Macmillan and Co.

Steele, G. R. (2004). Understanding economic man. The American Journal of Economics and Sociology, 63(5), 1021-1055.

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