Wir sind keine Borg und deshalb pleite…

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Ein Thema worum ich lange einen Bogen gemacht habe um es hier zu Beschreiben ist die Finanzkrise. Inzwischen 4 Jahre alt und immer noch nix dolles drueber verfasst. Als Oekonom sollte ich mich schaemen. Aber das liegt vor allem an der Komplexitaet des Themas, denn im Gegensatz zum gemeinem Stammtischpolemiker sind singulare Ursachen wie “der Geiz des Hochfinanz”, die Politiker, die Illuminaten oder sonst nicht alleine daran schuld. Sicherlich ist persoenliche Bereicherung ein Faktor, allerdings handelt es sich dabei eher um ein Zahn im Zahnrad einer Uhr, aber Hauptsache man hat einen Schuldigen. Und wir Oekonomen, ja ich fuehle mich da inzwischen heimisch, werden seither sowieso als total nutzlos und doof hingestellt. Nun bin ich selbst sehr kritisch gegenueber der orthodoxen Oekonomie aber ein bisschen muss ich die ganze Disziplin in Schutz nehmen. Immerhin waere es ja schlecht, wenn ich von mir selbst behaupte ueberfluessig zu sein =)

Die Frage nach der Ursache der Finanzkrise beschaeftigt allerdings nicht nur das gemeine Volk, sondern auch ihre Hoheit Queen Elizabeth II. Und weil sie so prominent und wichtig ist, konnte sich auch im November 2008 schnurstracks in die London School of Economic rennen und fragen warum das passiert ist und es keiner hat kommen sehen. Daraufhin haben sich 32(!) Oekonomen, Journalisten und Politiker zusammen gesetzt um ihrer Majestaet in einem Brief auf drei Seiten eine Antwort zu geben. Und dieser Brief ist wirklich gut, allerdings will ich vorher noch drei weitere Faktoren einwerfen die dort nicht wirklich aufgefuehrt sind.

Zunaechst einmal gestand Alan Greenspan, ehemaliger Chef der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve, seine Mitschuld zur Finanzkrise ein, betonte aber dass es sich dabei um menschliches Versagen handelt. Kurz: Wir sind einfach zu Bloed um die Konsequenzen unserer Handlungen voellig zu verstehen. Zweitens mag man hier noch mal fix Onkel Karl Marx aufwerfen, der schon frueh die Machtungleichgewichte erkannte die durch Kapitalakkumulation eintritt. D.h. dass diejenigen, die Kapital anhaeufen frueher oder spaeter marktspezifische Angelegenheiten besser diktieren koennen als zum Bleistift die Lohnarbeiterschaft. Und zum Schluss sei noch ein menschliches Verhalten zu betonen das unter den Kampfbegriffen Risikoaversion und Verlustaversion in der Verhaltensoekonomik bekannt sind und gerade im Bezug auf Finanzmaerkte recht interessant ist. Risikoaversion bedeutet, dass Menschen generell risikoreiche Entscheidungen meiden. Verlustaversion funktioniert genauso bei Entscheidungen die Verlustaengste beinhalten und, hier kommt das interessante, sie kann die Risikoaversion ausschalten. Ein beruehmtes Beispiel dazu stammt von Daniel Kahneman (2002) und heisst etwas rassistisch das Asien Krankheitsproblem. In einem Experiment wird folgende Aufgabe gestellt. Man stelle sich vor eine Krankheit aus Asien poppt in die USA die unbehandelt eine Sterberate von 600 Personen haben wird. Nun gibt es zwei Behandlungsoptionen, eine sichere und eine risikohafte, wovon kostenbedingt nur eine eingesetzt werden kann. Wird Option A angewendet werden sicher 200 Leute sterben, waehrend bei Option B eine 33 %ige Wahrscheinlichkeit existiert, dass alle 600 ueberleben werden. Die Mehrzahl der Teilnehmer wuerde Option A bevorzugen und zeigt damit eine Risikoaversion. Nun wird die Ausgangsituation wie folgt umformuliert, wobei eine sichere Antwort bleibt und eine weiterhin risikohaft ist: Wenn Option A angewendet wird, werden 400 sicher sterben, bei Option B besteht eine 33 %ige Wahrscheinlichkeit, dass niemand stribt und eine 66 %ige Wahrscheinlichkeit das alle 600 sterben. In diesem Fall wird die Antwort B bevorzugt obwohl das Risiko hierbei groesser ist. Dieses Verhalten hat Laurie Santos auf die Finanzwelt uebertragen und an Kapuzineraffen getestet und ihn ihrem TED-Talk eindrucksvoll vorgetragen. Wir verhalten uns also situationsbedingt und evolutionsdeterminiert irrational, was auf einem Finanzmarkt im Falle von Milliardenbetraegen durchaus schaedlich sein kann.

Aber nun mal zum Inhalt des Briefes. Denn dieser raeumt auch mit einigen Mythen auf. Der erste Teil beschreibt klipp und klar, dass eine Finanzkrise bereits lange und von vielen Fachleuten erwartet wurde. Einzig die Intensitaet und der Zeitpunkt konnte keiner Vorhersehen. Die ist auch dadurch verstaerkt, dass obwohl es sehr viele so genannte Risk Manager in verschiedenen Institutionen gibt, diese selbst nie eine globale Einschaetzung der Finanzmaerkte geben konnten. Der Grund liegt darin, dass die Systeme Finanzmaerkte derart komplex sind, dass niemand einen Ueberblick hat. Das ist dann wie mit dem Wetter, kein Meterologe auf der Welt kann das globale Wetter vorhersagen. Das ist einfach ein Ding der Unmoeglichkeit und warum sollte das bei einem ebenso komplexen System wie den Finanzmaerkten anders sein? Es gab aber immer Warnungen, z.b. durch die Bank of International Settlements oder der Bank of England in ihrem halbjaehrlichen Financial Stability Reports.

Der zweite Punkt sind Ungleichgewichte in der weltweiten Wirtschaft, die so genannte Global Saving Glut. Es handelt sich dabei um das Verhaeltnis von Investitionen und Sparen, global betrachtet, und dabei geht es hauptsaechlich um die Leistungsbilanzunterschiede. Makrooekonomisch gesehen muss die Summe der Leistungsbelanzen gleich null sein, das liegt in so nem doppelten buchhalterischen Verstaendnis. Sprich, exportiert Land A nach Land B so wird die Leistungsbilanz von B um den Wert negativ veraendert den Land A generiert. Oder, und das ist im folgenden wichtig: Jedes Land kann sich nur dann Verschulden wenn ein anderes bereit ist diesem einen Kredit zu geben. Die weltweiten oekonomischen Erfolge sowohl der Industrienationen als auch der Schwellenlaender China und Indien, und andere ja, haben dazu gefuehrt dass weltweit enorm viel gesparrt oder eingenommen wird. Und wer ist nun Hauptkonsument dieser Laender? Genau, die USA, die haben naemlich seit Jahren ein Leistungsbilanzdefizit in Hoehe von durchschnittlich 6%, d.h. sie konsumieren mehr als sie selbst produzieren. Bekannt ist dies durch die beruehmte “leben auf Pump” Mentalitaet der US-Amerikaner die man ja immer gerne entsetzt belaechelt. Unabhaengig vom Problem gibt es zwei Sichtweisen, einmal die USA lebe zu sehr auf Pump was die anderen zum Sparen zwingt oder die anderen sparen zu viel was die USA zum konsumieren zwingt… Egal wer, irgendwer hat nun schuld. Aber es ist hier nicht wichtig wer schuld hat, sondern was das bedeutet. Diese Dynamik hat naemlich dazu gefuehrt, dass langfristige und sichere durch mehr und mehr kurzfristige risikohafte Investitionen ersetzt wurden, die auf die USA fixiert waren. Anstatt in nachhaltige, sichere Entwicklung zu investieren sind viele Unternehmen weltweit zu Nettosparern geworden und haben lieber kurzfristig in die USA und den Finanzmarkt investiert. Sie sind zu Netto-Kreditgebern geworden und haben ihre Gewinnmargen enorm erhoeht. Gleichzeitig begannen auch die Unternehmen in den USA zu sparen, das Platzen der Dotcom-Blase hat schmerzhafte Spuren in den Bilanzen hinterlassen. Dadurch, und durch die Clinton-Politik, wurde vor allem der Immobilienmarkt der USA fuer Privatpersonen attraktiv, man konnte seinen Konsum inzwischen durch sein Haus absichern das wiederum im Wert immer weiter stieg. Nun hab ich dazu ja mehr geschrieben als ich wollte =/

Der naechste Punkt in dem Brief ist das unerschuetterliche Vertrauen in die Profis, die den Eindruck vermittelt haben zu wissen wie sie vernuenftig einen Finanzmarkt regeln. Die mathematischen Modell taten in ihrer Faehigkeit kurzfristige Risikomargen zu bestimmen ihr uebriges, glaubte man doch die langfristigen seien damit auch abgedeckt. Gleichzeitig setzte ein psychologisches Problemverdraengungsphaenomen ein, denn Haushalte konnte guenstige Gueter kaufen, Unternehmen kamen an guenstiges Geld, Banken konnten gute Gewinne durch den Anwuchs Kapitalakkumulation und Finanzprodukthandel machen und die Regierungen hatten gute Steuereinnahmen um in Infrastruktur usw. usf. zu investieren. Allen ging es quasi gut und keiner zweifelte an den Faehigkeiten im Falle eines Crashes mit den Folgen umgehen zu koennen und daher waren regulative Massnahmen schlicht kein Thema. Immerhin konnte man mit den Finanzkrisen in Japan in den 80ern, der Asiakrise in den 2000ern und der Dotcom-Blase auch gut umgehen.

Zum Schluss: Die Inflationsraten, die normalerweise als Indikatoren fuer ueberhitzte Volkswirtschaften dienen, blieben ziemlich gering. Die meisten Zentralbanken waren damit beschaeftigt die Inflation gering zu halten um die Wirtschaft am laufen zu halten was in niedrigen Zinsen resultierte. Die EZB zielte auf eine Inflation von weniger als 3% an, und das seit Jahren. Technisch gesehen arbeiten die Industrienationen relativ erfolgreich und die Entwicklungslaender Indien, China, Brasilien, Russland und andere zeigten auch, dass sie gute Arbeit taten. Das allerdings fuehrte dazu, dass niemand die daraus resultierenden Probleme fuer das Gesamtsystem erkannte. Es handelte sich dabei um eine Spielart der Rationalitaetenfalle, das individuelle Handeln vieler zur Verbesserung ihrer Situation kann zu einer Verschlechterung des Gesamtsystems fuehren. Waehrend die individuellen Risiken als minimal und kalkulierbar betrachtet wurden, was durchaus stimmt, verstand niemand das Gesamtrisiko in dem sich das System befand, hier sei wieder auf das Wetter verwiesen. Hinzu kam noch der psychologische Herdentrieb der auch in der Finanzwelt zu einer Konzentration fuehrte, die Problemignoranz und der Glaube an die Professionalitaet der Finanzmarktexperten. Oder wie es in dem Brief heisst:

“So in summary, Your Majesty, the failure to foresee the timing, extent and severity of the crisis and to head it off, while it had many causes, was principally a failure of the collective imagination of many bright people, both in this country and internationally, to understand the risks to the system as a whole” (p. 3).

Und hier moechte ich einen Bogen zur Ueberschrift ziehen. Wir sind keine Borg, wir sind kein Kollektiv das in seiner Gesamtheit ueber alle Geschehnisse immer bescheid weiss. Wir sind Elemente in komplexen Systemen, die sich dadurch auszeichnen dass niemand das komplexe System als ganzes begreift usw. usf. Und genau diese Eigenschaft fuehrt dazu, dass Systeme wie unsere Finanzmaerkte versagen koennen. Durch entsprechende Regulationen kann man das zwar mehr oder minder verringern, so genau sind sich die Oekonomen darueber nicht einige, aber dass Versagen systemimmanent ist eigentlich jedem klar.

Weitere Quellen:

Der Brief an Eli die Zwote

Die globale «Sparwut» – Beatrice Weder di Mauro

Kahneman, D. (2002, 8. December). Maps of bounded rationality: A perspective on intuitive judgment and choice. presented at the meeting of the Nobel Prize Lectures, Stockholm, Sweden. Retrieved from http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/economics/laureates/2002/kahneman-lecture.html

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2 thoughts on “Wir sind keine Borg und deshalb pleite…

    Dillerbse said:
    June 18, 2012 at 10:36 am

    Ich mach es jetzt offiziell: Sehr guter Beitrag! Informativ und gut geschrieben.

    Ich be-fan-e dich bzw. deinen Blog ab sofort. ;ö)

      imkom responded:
      June 19, 2012 at 1:38 am

      Vielen Dank =)

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