Wer Recht behaelt…

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Was ist das eigentlich, der Burden of Proof? Oder in Deutsch, die Beweislast. Jeder spricht darueber, jeder schiebt sie dem anderen in die Schuhe aber was genau bedeutet das eigentlich? Ich moechte das hier einmal kurz anhand eines interessanten Papers von Dare und Kingsbury (2008), zwei Philosophen meiner Nachbaruni, praesentieren. Nach denen gilt es zwischen Recht und Diskurs zu unterscheiden und ob Diskurse wahrheitsgeladen sind oder nicht (Dare & Kingsbury, 2008).

Im Rechtsverstaendnis beispielsweise liegt die Beweislast bekanntlich immer beim Anklaeger. Der Beschuldigte gilt folglich so lange als unschuldig bis seine Schuld bewiesen ist. Dabei gilt der Grundsatz des Rechtes sogar meist ueber dem des Beweises hinaus. Dare und Kingsbury (2008) verweisen hierbei auf einen Fall in dem die Indizien klar zeigten, dass der Beschuldigte die Tat begangen hat, dennoch wurde er freigesprochen weil die Indizien illegal besorgt wurden.

Im Diskurs hingegen sieht die Sache etwas anders aus. Allen (2004) beschreibt den Burden of Proof aka die Beweislast wie folgt:

“It is rare, outside legal and quasi-legal contexts, for the burden of proof on one side of an argument to be recognised formally. Yet, the implicit idea behind it is found in all reasoning. One person has a more demanding job of proving a point and, if they fail, then an alternative position remains the preferred one. One person must provide more evidence, must positively show their conclusion to be true” (p. 81).

Es handelt sich dabei also um die Feststellung, dass eine Ansicht in einem Diskurs generell mit Argumenten gestuetzt werden muss, falls dies jedoch nicht gelingt wird die alternative Position die bevorzugte. Allerdings ist es zunaechst schwer sich darueber zu einigen wer den nun in der Beweispflicht steht. Dies laesst sich z.B. mit Reid (1863) loesen, der schreibt dass

“All men that have common understanding, agree in such principles; and consider a man a lunatic or destitute of common sense, who denies them or calls them into question” (p. 230).

Eine Position die den gesunden Menschenverstand vertritt ist also die Position die bevorzugt wird und die nicht zunaechst in der Beweislast steht. Räikkä (2005) hingegen beschreibt die Verortung der Beweislast durch die Argumentationstechnik wie folgt:

“[the] intelligent arguer attempts to avoid the burden of proof and achieve a position in which she is presumed to be right until proven otherwise” (p. 228).

Dare und Kingsbury (2008) kritisieren hierbei die einseitige Verortung der Beweislast und argumentieren fuer ein quasi abstufendes oder gleichgewichtiges Verstaendnis der Beweislast, auch, wie oben geschrieben, im Sinne einer Wahrheitsorientierung. Nicht-wahrheitsorientierte Beweislast findet sich in z.B. im Diskurs, wo eine Seite die logischen Fehler eines Argumentes der anderen Seite aufdecken muss. Dabei geht es erst in zweiter Linie um die inhaltliche Richtigkeit der Aussage. Sehr bekannt fuer diese Art der Diskurse sind so genannte Debattierclubs, in denen nicht der Wahrheitsgehalt eines Themas sondern die Argumentationsfaehigkeiten der Teilnehmer im Vordergrund stehen. Ein weiteres Beispiel ist Sicherheit zu Beispiel an Bord eines Schiffes. Hierbei liegt die Beweislast nicht allein bei demjenigen, der Sicherheitshinweise gibt. D.h. zum Beispiel, dass der Reeder eines Schiffes nicht alleine in der Beweispflicht steht das ueber-Bord-springen gefaehrlich ist, sondern dass der Passagier gleichermassen argumentativ zeigen muesste das diese Annahme falsch ist um die Hinweise zu entkraeften, ohne allerdings tatsaechlich ueber Bord zu springen. Diese differenzierten Verortung der Beweislast bei nicht-wahrheitsorientierten Argumentationen ist von zentraler Bedeutung fuer Dare und Kingsbury (2008).

Bei Wahrheitsorientierten Aussagen verweisen sie hingegen auf den Popperschen Falsifikationismus. Hierbei ist der Wahrheitsgehalt einer wissenschaftlichen Aussage oder Theorie vor dem Hintergrund guter empirischer Methodik so lange anzunehmen bis die Beweislage gegenteiliges aufzeigt[1]. Dies ist notwendig, da sich eine Theorie aufgrund des Induktionsproblems nie endgueltig beweisen laesst. Dieses besagt, dass ein allgemeingueltiger Satz nicht durch einzelne Beobachtungssaetze vollstaendig bewiesen werden kann. Als Beispiel dienen Popper (2002 [1935]) hier Schwaene und ihre Farbe. Nach dem Induktionsproblem laesst sich aus der Aussage “dieser Schwan ist weiss” nicht der Satz “alle Schwaene sind weiss” herleiten, dies gilt auch fuer mehrere Schwaene. Der allgemeine Satz liesse sich nur formulieren wenn alle Schwaene die es gibt auf ihre Farbe hin geprueft wurden, was praktisch unmoeglich ist. Jedoch erlaubt Popper (2002 [1935]) den Satz so lange als wahr anzunehmen bis man ihn mit einem schwarzen Schwan falsifizieren kann. Aus diesem Grund ist die Verortung der Beweislast in diesen Faellen eindeutiger als bei den nicht-wahrheitsorientierten Situationen. Das Beispiel mit den Schwaenen scheint hierbei zwar uebertrieben zu sein, das Induktionsproblem und der Fasifikationismus spielen aber in der Wissenschaftstheorie eine bedeutende Rolle. Dare und Kingsbury (2008) fassen dies folglich so zusammen:

“Those promoting new views must provide compelling evidence before anyone is required to take them seriously” (p. 511).

Die schlussfolgernde Frage ist, ob es eine Verortung der Beweislast wie in den nicht-wahrheitsorientierten Faellen auch in den wahrheitsorientierten Fallen und in der Wissenschaft im Besonderen geben kann, soll, darf, muss? Dare und Kingsbury (2008) sagen klar nein aufgrund der oben genannten Argumentation. In wissenschaftlichen Fragestellungen ist die Beweislast klar definierbar und muss nicht gleich geteilt werden. Dies liegt auch an der meist in Masse aufkommenden Empirie orthodoxer Wissenschaft gegenueber neuen Ansaetzen. Dabei geben beide den Argumentationen von Antirealisten oder radikalen Konstruktivisten gleichzeitig eine klare Abfuhr.

Fussnoten:

[1]: der aufmerksame Leser erkennt das realistische Ideal das hier kritiklos vertreten wird.

Quellen:
Allen, M. (2004). Smart thinking. (Vol. 2) Melbourne: Oxford University Press.

Dare, T., & Kingsbury, J. (2008) Putting the burden of proof in its place: When are differential allocations
legitimate? The Southern Journal of Philosophy, 46, 503-518

Popper, K. R. (2002 [1935]). The logic of scientific discovery. London, UK: Routledge.

Räikkä, J. (2005. Global justice and the logic of the burden of proof. Metaphilosophy 36, 228-39.

Reid, T. (1863). The works of Thomas Reid. Edinburgh: MacLachlan and Stewart

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