Month: August 2012

Uns geliebte Demokratie…

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Winston Churchill sagte einmal in einer Rede von 1947: “Demokratie ist die schlechteste Regierungsform – außer all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.” Ob er damit Recht hat, darueber laesst sich bestimmt streiten. Eine interessante Frage ist allerdings wie Demokratie ueberhaupt entsteht und sich gegen die anderen Regierungsformen langfristig durchsetzen kann. Hierzu haben nun Gassebner, Lama und Vreeland (2012a, 2012b) eine kleine Metastudie gebastelt und auch einen Blogbeitrab bei Oekonomiestimme verfasst. Sie haben eine Regressionsanalyse von in der entsprechenden Literatur vorgeschlagenen Determinanten fuer das Aufkommen und das Ueberleben von Demokratien durchgefuehrt und mit den Argumentationen aus der Literatur verglichen. Hierzu finden sich zum Beispiel der Vater der ‘Modernisierungstheorie’ Lipset (1959), der im Grunde behauptet dass oekonomische Entwicklung komplexe Sozialformen entwickelt die Diktaturen irgendwann ueberfordern und so einen Demokratisierungsprozess einleiten. Auf der anderen Seite sagen Przeworski, Alvarez, Cheibub und Limongi (2000) beispielsweise, dass die oekonomische Entwicklung bei der Entstehung von Demokratien nicht so wirklich eine Rolle spielt, jedoch bei dessen Fortbestand. Dann gibt es Argumente, dass Demokratien eher zufaellig entstehen und zerfallen und dabei der Regimekostenfaktor eine Rolle spielt (Przeworski & Limongi, 1997). Das bedeutet, dass ein Regimewechsel dann auftritt, wenn die dafuer benoetigten Kosten nicht zu hoch sind. Interessant ist der Diffusionsansatz von Gleditsch (2002), der besagt dass das Umfeld einen Einfluss auf das Regierungssystem hat. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit einer Demokratisierung grosser wenn Demokratien in der geografischen und politischen Umgebung sind oder eben umgekehrt. Deshalb haben wir in Europa so viele Demokratien waehrend zum Beispiel im nahen Osten mehrere Diktaturen auftreten.

Nun haben Gassebner, Lama und Vreeland (2012b) in ihrer Studien einen “extremen” (p. 2) Ansatz verfolgt und so 1,7 Millionen Regressionen fuer die Entstehung und 1,4 Millionen fuer die Erhaltung von Demokratien aufgrund von 59 in der Literatur genannten Determinanten gemacht. Die benutzte Methode, “extreme bounds analysis (EBA)” (Gassebner et al., 2012b, p. 2), vergleicht dabei Dreierkombinationen aller 59 Variablen und ermittelt so deren statistische Signifikanz. Dabei bemerken Gassebner, Lama und Vreeland (2012b) allerdings auch, dass die Variablen, die bei ihnen durchgefallen sind, in anderen Modellen durchaus signifikant sind bzw. so genannte Proxies einfach zu schlecht aufgestellt sind um in ihrer Analyse zu bestehen.

Das Resultat ihrer Studie sieht nun sehr interessant aus. Zunaechst einmal sind ein Grossteil der getesteten Variablen offensichtlich nicht signifikant, nur fuenf haben bestanden. D.h. sie spielen bei der Entstehung oder dem Ueberleben von Demokratien keine wirkliche Rolle. Interessant ist zudem, dass Wirtschaftswachstum eine negative Korrelation zur Demokratisierung hat und somit im gegen die Argumentation von Lipset (1959) steht. Demnach koennen sich Diktaturen bei oekonomischen Erfolg besser am Leben erhalten als ohne. Dagegen steht das Bruttoinlandsprodukt pro Person nicht im Zusammenhang mit der Demokratisierung, wie auch Przeworski et al. (2000) argumentieren. Interessant ist natuerlich die Frage welche Rolle der Islam, auch im Betracht zum arabischen Fruehling, spielt. Hier finden Gassebner, Lama und Vreeland (2012b) einen interessanten Zusammenhang. Der Anteil von Muslimen in einem Land hat offensichtlich nur dann einen negative Effekt auf die Demokratisierung, wenn dieses Land auch Oel exportiert. Hier muss man mit Sicherheit den vorher genannten negative Zusammenhang von oekonomischem Erfolg und Demokratisierung beruecksichtigen. Islamische Diktaturen halten sich deshalb am Leben weil sie sich ihre Macht durch oekonomischen Erfolg, in diesem Fall den Oelexport, erkaufen koennen. Ausserdem beguenstigen vorherige Wechsel von Regimen die Demokratisierung, es wird also hier ein Lerneffekt vermutet. Ambivalent hingegen ist die Beziehung zwischen Demokratisierung und Mitgliedschaft in der OECD. Sie hat zwar einen positive Effekt, jedoch ist die Mitgliedschaft eigentlich nur fuer Demokratien vorgesehen. Jedoch gab es einige Faelle in denen nicht-demokratische Staaten in die OECD eingetreten sind und dann zu Demokratien wurden. Aufgrund der kleinen Zahl dieser Faelle ist es aber schwer zu sagen wie die Mitgliedschaft der OECD wirklich zu werten ist.

Beim Ueberleben von Demokratien spielen vor allem das GDP per capita und die Nachbarn eine Rolle. Demnach sind reiche Laender in einer demokratischen Umgebung eher dazu im Stande Demokratien zu bleiben. Negativ wirken sich hingegen die Anzahl fruehrer Regimewechsel sowie eventuelle militaerische Fuehrer auf das Ueberleben von Demokratien aus (Gassebner et al., 2012b).

In ihrer Schlussfolgerung sehen Gassebner, Lama und Vreeland (2012b) die wichtigen Determinaten ausserhalb des Einflusses von direkten politischen Einflussmassnahmen. Ob ein Land bspw. nun demokratische Nachbarn hat oder nicht liegt nicht in der Macht von lokalen Politikern. Jedoch schlagen sie vor langfristig jungen oder schwachen Demokratien wirtschaftlich unter die Arme zu greifen um so deren Ueberleben zu sichern. Dagegen hilft Wirtschaftshilfe bei Diktaturen offensichtlich nicht, sie garantiert deren Ueberleben nur mehr.

Quellen:

Gassebner, M., Lamla, M. J., & Vreeland, J. R. (2012a, August 11.). Demokratie extrem. Retrieved from http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2012/08/demokratie-extrem/

Gassebner, M., Lamla, M. J., & Vreeland, J. R. (2012b). Extreme bounds of democracy. Journal of Conflict Resolution, 00(0), 1-27.

Gleditsch, K. S. (2002). All international politics is local: The diffusion of conflict, integration, and democratization. Ann Arbor: University of Michigan Press.

Lipset, S. M. (1959). Some social requisites of democracy: Economic development and political legitimacy. American Political Science Review, 53, 69–105.

Przeworski, A., Alvarez, M., Cheibub, J. A., & Limongi, F. (2000). Democracy and development. New York: Cambridge University Press.

Przeworski, A., & Limongi, F. (1997). Modernization: Theories and facts. World Politics, 49, 155–183.