Month: February 2013

Wunschkonzert!

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Vor kurzem habe ich meine zwei Leser gebeten ein paar Vorschlaege fuer ein Thema einzureichen, damit ich auch mal wieder was zum Schreiben habe. Eine Bitte war den Film Cosmopolis anzuschauen und ein oekonomische Statement dazu abzugeben. So habe ich mich also hingesetzt, den Film angeguckt und mich gefragt wo ich Hinweise auf meine Profession finden kann. 

Aber zunaechst ein Ueberblick zum Film: Cosmopolis ist eine gleichnamige Buchverfilmung aus dem Jahr 2012, dessen Held, oder besser Anti-Held, der New Economy Milliardaer Eric Parker ist. Eines Tages entscheidet sich Parker dazu in seiner Limousine quer durch New York City zu fahren, weil er einen neuen Haarschnitt braucht. Da gleichzeitig der Praesident der vereinigten Staaten in der Stadt ist, sowie eine antikapitalistische Demonstration und ein grosser Trauerzug durch die Strassen laeuft, kommt Parker in seiner Limousine nur im Schritttempo voran. Waehrend diesem Tagesausflug zu seinem Friseur steigen immer wieder verschiedene Berater von ihm ein, sein Arzt und gelegentlich haelt er an um irgendwo seine Frau zu treffen. Ach ja, es gibt noch eine Morddrohung gegen ihn, nichtsdestotrotz faehrt er zu seinem Friseur und verliert unterwegs noch einen Grossteil seines Vermoeges durch Spekulationen mit dem chinesischen Yuan. Am Ende trifft er dann noch den Typen, der ihn umbringen will.

Soviel zum kurzen Inhalt. Die Kritiken des Films sind jetzt nicht gerade berauschend und ich muss sagen, dass er so dermassen metaphorisch wirkt, dass man nicht genau weiss was sich der Regisseur dabei gedacht hat. Aber ich sollte ja auch nur ein kurzes oekonomisches Statement verfassen und daher kuemmere ich mich nicht um Schauspielerleistung, Schnitt und all den anderen Kram. Jedoch, gerade wegen dieser enormen Metaphorik gebe ich gerne zu, dass ich mich auch voellig irren kann mit den Punkten die mir aufgefallen sind!

Zunaechst einmal der Protagonist. Eric Parker ist ein leidenschafts- und relativ gefuehlloser New Economy Bubi aus New York. Unter 30, vermutlich, und schon Milliardaer. Er verkoerpert quasi den modernen Juppi, den Christian Bale in American Psycho so wunderbar verkoerpert hat. Parker hat nur eben keine Axt und wirkt auch nicht ganz so schmierig.

In einem Gespraech mit einem seiner Berater fantasieren Parker und der andere darueber wie es waere, wenn Ratten als neue Waehrung benutzt wuerden um den Dollar, den Euro und sonst was zu ersetzen. Die Ausfuerhrungen lassen dabei kurz aufzeigen, dass ein generelles Problem mit Spekulationen nicht die entsprechenden Medien sind sondern eher der Umgang damit liegt. Fuer Parker ist dies alles quasi ein Spiel, was durch die beilaeufig erwaehnten Spekulationen mit dem chinesischen Yuan und dem resultierenden Verlust seines Vermoegens noch mal unterstrichen wird. Gerade dieser Verlust scheint ihn nicht sonderlich zu beruehren, womoeglich weil er auch keinerlei wirkliche Beziehung mehr zu Geld hat, wie eine Kunsthaendlerin nach einem kurzen Quicky feststellt. Meinem ehemaligen Mitbewohner ging es einmal aehnlich. Frank, chinesischer Student und part-time-Broker, kam eines Abends erschoepft nach Hause. Er hatte an dem Tag einige Zehntausend Dollar eines Kunden in Devisengeschaeften verloren. Das hat ihn so sehr geschockt, dass erst mal ein Bier notwendig war. Eine Woche spaeter hatte er das Geld wieder zurueck gewonnen. Darueber hinaus trifft Parker im Film, seltsamerweise, immer wieder auf seine Frau, mit der er keinen Sex hat, und die wohl sehr wohlhabend ist und ihm in einem Gespraech anbietet ihn finanziell zu unterstuetzen nachdem er ihr eroeffnet hat pleite zu sein. Das klingt ein wenig nach Bailout aber was weiss ich schon.

Kommen wir also zu den beiden Punkten, die den Oekonom in mir richtig haben aufhoeren lassen. Waehrend Parker durch die antikapitalistische Demonstranten faehrt, die nebenbei die Ratte symbolisch bei dem Protest benutzten, laed er eine Beraterin zu sich ins Auto die ihm erklaeren soll was eigentlich los ist. Hierbei erklaert sie ihm, dass technischer Fortschritt und Innovationen immer einen Preis haben, denn ihnen liegt die Zerstoerung von frueheren Maerkten usw. zu Grunde. Ich mag mich irren, aber dies riecht foermlich nach der “Schoepferischen Zerstoerung” von Joseph A. Schumpeter (1994 [1942]). In seinem Buch Capitalism, Socialism and Democracy schreibt er dazu wie folgt:

Die Eröffnung neuer, fremder oder einheimischer Märkte und die organisatorische Entwicklung vom Handwerksbetrieb und der Fabrik zu solchen Konzernen wie dem U.S.-Steel illustrieren den gleichen Prozess einer industriellen Mutation – wenn ich diesen biologischen Ausdruck verwenden darf –, der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft. Dieser Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum. Darin besteht der Kapitalismus und darin muss auch jedes kapitalistische Gebilde leben. (pp. 82-83).

Genau das greift die Frau auf und fuegt noch hinzu, dass diese Mutationen ihren Preis haben und der normale Mensch dabei auf der Strecke bleiben kann waehrend es nur wenige gibt die von diesen Entwicklungen tatsaechlich profitieren. Aus diesem Grund wuerden die Menschen auch demonstrieren, damit es eben keine Mutation gibt sondern quasi alles etwas langsamer vonstatten geht bzw. die Zukunft aufgehalten wird. Hier zeigt sich also, dass eine der essentiellen Eigenschaften des Kapitalimus selbst Probleme mit sich zieht. Eine Loesung wird, vielleicht willentlich, aber nicht angeboten.

Der zweite Aspekt der mich hat aufhorchen lassen war der Dialog, oder besser ein Teil dessen, zwischen Parker und Benno Levin am Ende des Films, der Typ der ihn umbringen will. Levin wirft in diesem Dialog Parker sehr metaphorisch seine Fehler vor und erklaert ihm daduch warum er sein Vermoegen mit den Spekulationen mit dem Yuan verloren hat. Ich habe leider nicht mehr den genauen Wortlaut im Kopf aber er erklaert ihm, dass der Fehler die Suche nach der perfekten Symmetrie in den Aktienmaerkten, mittels einer naturwissenschaftlichen Praezision, war und er lieber auf die Fehler, auf die Ungreimtheiten, auf die Launen des Yuan haette achten sollen. Parkers asymmetrische Prostata, eine Feststellung des Arztes der ihn in der Limousine besucht, haette Parker darauf hingewiesen.

Wow wow wow! Was fuer eine Aussage! Da erklaert Levin nicht nur Parker welche Fehler er individuell gemacht hat sondern versteckt darin gleichzeitig eine komplette Anklage gegen die mainstream Oekonomik und dessen Formalisierung. Warum? Nun, einer der Hauptkritikpunkte der heterodoxen Oekonomen ist genau das, der Versuch der naturwissenschaftlichen Rationalisierung wirtschaftlicher Zusammenhaenge und deren Darstellung in (zu) einfachen Modellen. Das hat historische Gruende: Die Eleganz von Newtons Mechanik und die sich daraus ergebenen praezisen Gleichgewichtsmodelle von Planeten haben die fruehen Oekonomen so sehr beeindruckt, dass sie seither versucht haben solche Modelle auf das wirtschaftliche Zusammenleben zu ueberfuehren. So schrieb Francis Edgeworth (1881) bspw., dass die “Principles of Greatest Happiness”, im Sinne des damals vorherrschenden Utilitarismus, und die “Principles of Maximum Energy” (p. v) im Grunde den gleichen mathematischen Regeln unterliegen, der Mensch nichts weiter sei als eine “pleasure machine” (p. 15) dessen Verhalten mittels Maxima-Minima-Schemata erklaert werden koenne. In aehnlicher Weise argumentiert Alfred Marshall (1920), dass die oekonomischen Gesetzmaessigkeiten einzig durch Preismodelle abzubilden sind, obwohl er dann spaeter wieder etwas zurueck rudert. Und Nobelpreisgewinner Gerard Debreu (1991) war der Meinung, dass allein die mathematische Infrastruktur, ohne jedwede Interpretationen und Einfluesse von anderen Disziplinen, die Standfestigkeit von Theorien usw. zeigen soll. Er fuehlt sich bestaetigt indem er zeigt, dass die Menge mathematischem Formalismus in Fachzeitschriften von 3% in den 1940ern auf ueber 40% in den 1990ern gestiegen ist.

Aber wie ich bereits sagte, gibt es dazu auch einige kritische und zum Teil kritisch-polemische Stimmen. Besonders gut gefaellt mir dazu eine Textstelle von Altmeister Lord John M. Keynes (2008 [1936]), in der es heisst:

It is a great fault of symbolic pseudo-mathematical methods of formalising a system of economic analysis (…) that they expressly assume strict independence between the factors involved and lose their cogency and authority if this hypothesis is disallowed; whereas, in ordinary discourse, where we are not blindly manipulating and know all the time what we are doing and what the words mean, we can keep ‘at the back of our heads’ the necessary reserves and qualifications and the adjustments which we shall have to make later on, in a way in which we cannot keep complicated partial differentials ‘at the back’ of several pages of algebra which assume they all vanish. Too large a proportion of recent ‘mathematical’ economics are merely concoctions, as imprecise as the initial assumptions they rest on, which allow the author to lose sight of the complexities and interdependencies of the real world in a maze of pretentious and unhelpful symbols. (p. 272).

Es gibt natuerlich noch mehr Kritik, siehe z.B. Joseph E. Pluta (2010), Julie Nelson (1993), besonders gut sind Philip Mirowski (1989) und der Klassiker von Kenneth E. Boulding (1986) oder eben Paul Krugman (2009a, 2009b), alle in den Quellen aufgelistet.

Aber ich denke, das Zitat von Keynes drueckt genau das aus, was Benno Levin hier klar machen will. Die Fixierung auf mathematisch elegante aber relativ nutzlose Formalismen, die versuchen die Praezision eines physikalischen Modells zu erreichen und dabei eine der wichtigsten Aspekte von Maerkten voellig ausser acht lassen; die komplexe Psychologie der Marktteilnehmer. Interessanterweise erzaehlt Parker in dem Film einem seiner juengeren Kollegen, dass er sich nicht zu sehr auf Standardmodelle verlassen solle und doch scheint er selbst diesen Fehler zu machen und damit sein Vermoegen zu verlieren. Haette er doch bloss auf seine asymmetrische Prostata gehoert!

Das waren so zwei Punkte die mir direkt ins Auge gesprungen sind (confirmation bias?), trotz der teilweise doch undurchsichtigen Metaphorik in dem Film. Zugleich waren das aber auch die einzig interessanten Momente in diesem Film fuer mich, ich fand den Auftritt von Benno Levins stilistisch am besten, aufgrund der oben genannten Kritik vielmehr an der Theorie als am System. Frage ist, wie sehr muss man sich in der Materie auskennen um soetwas zu verstehen? Darueber hinaus soll sich jeder den Film angucken, wenn er Lust darauf hat. Ich mag ihn weder empfehlen noch ablehnen, weil ich eben kein super Filmkritiker bin.

Ach ja, wer sich fragen sollte warum solche mathematischen Modelle trotz der Kritik immer noch so sehr im Vordergrund stehen: Ich habe keine Antwort darauf aber hoffe das demnaechst in dem einem PhD Thema abarbeiten zu koennen.

 

Quellen:

 

Boulding, K. E. (1986). What went wrong with economics? American Economist, 30(1), 5-12.

Debreu, G. (1991). The mathematization of economic theory. The American Economic Review, 81(1), 1-7.

Edgeworth, F. Y. (1881). Mathematical physics: An essay on the application of mathematics to the moral science. London, UK: n.a.

Keynes, J. M. (2008 [1936]). The general theory of employment, interest and money. New Dehli, India: Atlantic Publishers & Distributors (P) Ltd.

Krugman, P. (2009a, September 11.). Mathematics and economics. Retrieved from http://krugman.blogs.nytimes.com/2009/09/11/mathematics-and-economics/

Krugman, P. (2009b, Jannuary 27.). A Dark Age of macroeconomics (wonkish). Retrieved from http://krugman.blogs.nytimes.com/2009/01/27/a-dark-age-of-macroeconomics-wonkish/

Marshall, A. (1920). Principles of economics (Vol. 8). London, UK: Macmillan and Co., Ltd. Retrieved from http://www.econlib.org/library/Marshall/marPCover.html

Mirowski, P. (1989). More heat than light: Economics as social physics, physics as nature’s economics. Cambridge, UK: Cambridge University Press.

Nelson, J. A. (1993). The study of choice or the study of provisioning. In M. A. Ferber & J. A. Nelson (Eds.), Beyond Economic Man: Feminist Theory and Economics (pp. 23-36). Chicago and London: University of Chicago Press.

Pluta, J. E. (2010). Evolutionary alternatives to equilibrium economics. American Journal of Economics and Sociology 69(4), 1155-1177.

Schumpeter, J. A. (1994 [1942]). Capitalism, Socialism and Democracy. London, UK: Routledge.